Kryptonit

Er ist wohl also dein Kryptonit-Mensch?“ fragte meine Mitbewohnerin mich.

„Kyptonit-Mensch?“

„Ja. Kennst du die These nicht? Jeder hat einen Kyptonit-Menschen, den er nicht vergessen kann und dem er immer wieder begegnet.“

Hm. Klingt ja nach einer schönen These. Und einleuchtend in meinem Fall.

Und dann traf es mich wie ein Schlag ins Gesicht.

Kryptonit.

Das hatte er sogar zu mir gesagt. Genau um diese Zeit vor einem Jahr. Ich erinnere mich genau daran. Wir saßen in seiner WG auf dem Sofa. Nein – wir kuschelten auf dem Sofa. Beide glücklich. Es fühlte sich an wie früher. So schön. So vertraut. Dann sagte er:

„Ich konnte dich nie vergessen. Mein Kumpel sagte, dass du mein Kryptonit bist. Ich glaube wirklich, du bist mein Kryptonit.“

Damals hatte ich mir nicht viel dabei gedacht. „Kryptonit“, was für ein komischer Ausdruck. Aber in Ordnung, dann ist er eben Superman und ich sein Kryptonit.

Nachdem meine Mitbewohnerin mich aber oberflächlich über diesen Ausdruck aufgeklärt hatte, musste ich mich nochmal näher damit beschäftigen.

„Ich habe da so eine Theorie, nämlich dass jeder so einen Menschen hat, an dem er für immer hängen wird – ganz egal, wie lange die Beziehung gedauert hat oder wie intensiv sie war. Für diese Menschen würden wir alles tun, ganz egal, wie schön unsere Leben gerade sind und wie toll unsere Beziehungen oder Freundschaften oder Jobs. Wenn sie plötzlich wieder vor der Tür stünden, würden wir öffnen, egal wie sehr sie uns damals verletzt haben, und dann würden wir unsere Koffer packen und einfach abhauen, mit ihnen, bis an das Ende dieser Welt und weiter, so wie das früher mal geplant war, mit der Kryptonit-Person, und wenn es nur in unseren Köpfen war.“

Aus: beziehungsweise-magazin.de

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das für ihn auf mich zutrifft. Würde ich vor seiner Tür stehen und ihn darum bitten, es mit mir nochmal zu versuchen, würde er sofort Ja schreien. Aber auch andersherum könnte es ähnlich laufen. Wir waren letztes Jahr kurz davor, es nochmal miteinander zu versuchen. Dieses Mal eine Fernbeziehung. Wir waren jetzt alt genug. Ich hätte es nur sagen müssen. Aber ich entschied mich dagegen. Wir verabschiedeten uns von einander und von dieser schönen Sommeraffäre. Ich musste wieder zurück in meine Unistadt. Wir telefonierten noch viel. Er buchte einen Zug um mich besuchen zu können. Dann lernte ich jemand anderen kennen. Und konnte diesen anderen nicht vergessen. Der andere war zwar kein Kryptonit – aber ganz sicher ein kleiner Splitter. Es ist Mr Regisseur. Und Mr Tiger musste leiden.

Seit seinem Besuch, bei dem ich ihm nicht die Aufmerksamkeit entgegenbringen konnte, die er verdient hatte, haben wir keinen Kontakt mehr. Es ist wieder wie vor unserer Affäre. Wir gratulieren uns höchstens zum Geburstag. Würde ich allerdings erfahren, dass ihm etwas zugestoßen ist, würde meine Welt untergehen. Und würde ich erfahren, dass er eine neue Freundin hat, würde mir das ganz und gar nicht gefallen. Aber es steht mir nicht zu, mein Missgefallen auszudrücken. Denn ich war diejenige, die ihn enttäuscht hat. Und ich bin diejenige, die nicht an ein Happy End glaubt.

Trotzdem ist er mein Kryptonit und ich seins.

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4 Gedanken zu “Kryptonit

  1. Hab‘ auch so ein Mädel, das mich ohne Ende triggert. Kann man eigentlich jederzeit als praktischen Beziehungstest anwenden: Finde ich meinen Partner gut genug, um im Fall der Fälle selbst beim Auftauchen des Kryptonitmenschen nicht schwach zu werden?

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