Vierzehn Kilo

Ich sitze gerade auf unserer wunderschönen WG-Terasse nach einem tollen Sommertag voller Nichts-tun. Jetzt kann ich den Abend abrunden mit einem Tagebucheintrag.

Die WG ist seit heute Nachmittag leer weil alle ausgeflogen sind. Macht mir aber nix. Mr Tiefsinnig kam spontan vorbei um meinen Mitbewohner zu besuchen (der aber ja weg war). Wir quatschten für ein Stündchen und bevor er ging fragte er noch, ob ich Lust habe mit ihm und ein paar Leuten in das Kneipenviertel zu gehen auf ein, zwei Bier. Aber eigentlich bin ich gerade zufrieden mit meiner Musik und meinem Laptop auf der Terrasse – mit Blick auf unseren Garten vor der untergehenden Sonne. Und eigentlich möchte ich einfach nicht mehr rausgehen, weil ich kein Bier oder Cocktail oder ähnliches mehr zu mir nehmen möchte. Traurig, dass ich deswegen den sozialen Kontakt ablehne.

Über was ich heute Abend schreiben möchte ist etwas das mir, neben dem Thema Männer und Dating, ebenfalls nie aus dem Kopf geht. Darüber habe ich sehr lange nichts mehr geschrieben. Es geht darum, dass ich mit meinem eigenen Körper noch nie  Frieden schließen konnte. Ganz besonders nicht seitdem ich mein Gewicht wieder beobachte. Ich habe schon seit vielen Jahren Probleme mit dem Verhältnis zu meinem Körper, meinem Gewicht und dem Essen oder Nicht-Essen. Letztens habe ich noch geschrieben, dass ich seit dem Beginn meines Studiums zugenommen habe, aber es mir nicht viel ausmacht, weil ich mich auch fitter fühle. Das ist nicht ganz richtig.

Ich habe immer mal Phasen, an denen ich mit meinem Essverhalten und meinem Körper zufrieden bin. Aber es überwiegt die Abscheu. Ganz besonders die letzten Woche. Ich habe mein Höchstgewicht und schaffe es nicht, trotz 6-7 Mal die Woche Sport, abzunehmen. Nun habe ich mir meinen gesamten Gewichtsverlauf, seit ich diese „Probleme“ mit meinem Essverhalten habe, mal genauer angesehen.

Mein niedrigstes Gewicht hatte ich damals kurz vor dem Abi. Ich wog ganze 14 Kilo weniger als jetzt (bei der gleichen Größe). Das war aber tatsächlich zu wenig. Das gebe ich mittlerweile zu und finde es im Nachhinein nicht schön, wie ich damals aussah. Zu der Zeit hatte ich die Tiefphase meines Essverhaltens und ich hungerte einfach. Ich hungerte nicht nur, weil ich dünn sein wollte. Ich hungerte nach Perfektion. Ich hatte alles unter Kontrolle. Es fühlte sich gut und richtig an. Mein Abi verlief gut und richtig. Mein Leben verlief gut und richtig. Mein Körper und mein Kopf sollten die Klappe halten. Hungern war richtig.

Das Gewicht konnte ich natürlich nicht lange halten und nahm nach dem Abi wieder ein kleines bisschen zu. Die Gedanken aber blieben. Während meiner Zeit in Australien aß ich wieder wenig und kam zwischenzeitlich nochmal auf mein Niedrigstgewicht. Danach ging es nur noch aufwärts. Zu Beginn meines Studiums hatte ich ein gutes Normalgewicht. Im Vergleich zu meinem jetzigen Höchstgewicht sind das 12 kg weniger. Ich fühlte mich so eigentlich ganz wohl. Ich begann mit dem Krafttraining und baute Muskeln auf. Im fünften Semester machte ich mein Auslandssemester und erlaubte mir viel zu essen. Ich legte 6 Kilo zu. Das war mein damaliges Höchstgewicht und ich fand es furchtbar. Ich wollte um jeden Preis abnehmen und erlegte mir selbst mein „Projekt Sixpack“ auf. Zu der Zeit bloggte ich hier übrigens schon. Ich konnte drei bis vier Kilo abnehmen. Es war zwar weniger als ich erhofft hatte, aber meine Figur war top. Ich hatte Muskeln und einen schönen Bauch.

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Vom letzten Sommer

Über den darauffolgenden Winter nahm ich nochmal zwei Kilo zu. Das war okay. Den Sommer über konnte ich sie zwar nicht abnehmen, aber auch das war okay. Mein damaliger Freund machte mit mir Schluss und ich aß aus Frust ziemlich viel. Zu der Zeit traute ich mich nicht auf die Waage. Aber ich konnte im Spätsommer trotzdem wieder zu einer Figur kommen mit der ich zufrieden war.

Dann kam der letzte Winter. Ich aß natürlich wieder viel. Wie man das so über den Winter und über die Feiertage eben macht. Und wog mich im Januar diesen Jahres wieder. Ach du scheiße.

Im Vergleich zu meinem Gewicht im Sommer davor waren es +6 Kilo. Ich dachte mir zwar „oh Gott, wie ekelhaft.“ Aber das sind doch nur die Weihnachtspfunde. „Die kann ich bestimmt schnell wieder abnehmen.“

Bis März konnte ich sogar drei Kilo abnehmen. Aber nur um sie dann wieder an Ostern zuzunehmen. Und bekam sogar vom Osterhasen nochmal ein Kilo dazu geschenkt. Ich habe zur Zeit mein Höchstgewicht. Ein Gewicht, das ich niemals auf der Waage sehen wollte. Und ich bekomme kein einziges Kilo wieder runter. Zwar schwankt mein Gewicht: wenn ich weniger esse über zwei, drei Tage habe ich auch einen oder zwei Kilo runter. Aber wenn ich dann wieder nur einen oder zwei Tage mehr esse, ist das Gewicht wieder wie vorher. Es ist zum Verzweifeln.

Insgesamt habe ich also seit meinem Niedrigstgewicht im Jahre 2011 Vierzehn Kilo zugenommen. Zu meinem ersten Wohlfühlgewicht und heute ist es ein Unterschied von 12 Kilo. Bezieht man mit ein, dass ich jetzt mittlerweile seit drei Jahre Krafttraining betreibe sind es immer noch 9 Kilo zu viel für mich.

Ich überlegte lange. Bisher hat das doch immer geklappt. Was mache ich anders? Ist es, weil es in meiner WG immer so leckeres Essen gibt und ich mich nicht zusammenreißen kann? Im Sommer letzten Jahres hat das aber auch nicht dazu geführt, dass ich so viel zunehme. Außerdem tracke ich schon seit langem mein Essen. Ja, ich esse öfter im Überschuss, aber ich treibe auch 6-7 Mal die Woche Sport. Liegt es vielleicht am Stress, den ich mir ständig wegen dem Studium und dem Lernen mache? Das spielt bestimmt auch eine Rolle, aber führt doch nicht zu einem Plus von 7 Kilo innerhalb von einem halben Jahr. Was, also, hat sich im letzten halben Jahr verändert?

Mir fällt da nur eine weitere plausible Antwort (neben Stress und WG) ein: ich habe im Oktober die Pille abgesetzt. Wie ich zu dieser Entscheidung kam und was sich dadurch für mich (außer meiner Gewichtszunahme) änderte, beschreibe ich in einem extra Beitrag.

Meine Beobachtungen zur Gewichtszunahme und dem Absetzen der Pille googelte ich. Es scheint, als hätten viele Frauen das gleiche Problem. Am häufigsten hört man von Frauen, die aufgrund der Pille und die dadurch entstehenden Wassereinlagerungen zunehmen. Diese nehmen dann natürlich beim Absetzen wieder ab. Einige Frauen aber nehmen, wie ich, beim Absetzen der Pille extrem zu. Einen Forumseintrag fand ich sogar von einer Frau, die innerhalb von einem Jahr 20 Kilo zugenommen hatte. Ich hoffe soweit kommt es bei mir nicht!

Ich verzweifle aber schon langsam an meinen nun sehr hohen Gewicht. Ich fühle mich nicht wohl, aber schaffe es nicht, wie sonst immer, wieder auf ein Wohlfühlgewicht zu kommen. Auch nicht mit weniger Essen und fast jeden Tag Sport. Die Pille würde ich aus dem Grund (noch aus irgendeinem anderen Grund) trotzdem nie wieder nehmen. Aber ich weiß nicht, was ich noch tun kann. Ich kann doch nicht weiter beobachten, wie mein Gewicht steigt und steigt. Vielleicht sind das mit der Pille, dem Stress und der WG auch nur blöde Ausreden. Vielleicht habe ich ich einfach wirklich nicht mehr unter Kontrolle und fresse zu viel.

Ich weiß zwar, dass ich sportlich bin und nicht dick. Meine Problemzone war für mich schon immer mein Bauch. Den Rest meines Körpers mag ich eigentlich. Die 7-9 Kilo zu viel sieht man auch nicht so extrem. Meine Hosen sind zwar enger, aber nicht so eng, wie man es mit 7-9 Kilo zu viel erwarten würde. Aber diese Zahl. Diese blöde Zahl. Die stört mich wahnsinnig. Und auch wenn ich aufhören würde, mich fast täglich zu wiegen, würde diese Zahl in meinem Kopf herumspuken. Ich würde, wie immer, meine unperfekte Figur sehen. Und mich zu schwer fühlen. Und mich weiterhin am Ende des Tages hassen, dass ich zu viel gegessen habe. So wie ich es schon seit sieben Jahren tue.

Ich will doch nur wieder die Kontrolle und Perfektion haben von damals. Zumindest habe ich heute kein Bier oder Cocktail mehr getrunken.

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Auf der Suche: nach Mitbewohnern, Freundschaften und Selbstbewusstsein

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Ich hab in letzter Zeit oft Lust hier zu schreiben. Über dies und das, über meine vielen Gedanken, über meine zunehmenden Stimmungsschwankungen, über meine Pläne, über die Leute, die ich kennen lerne oder nicht kennen lerne… Aber ich komme nicht dazu. 😦

Ich dachte dieses Semester würde entspannter werden. Das ist es zwar, was Uni-Veranstaltungen angeht: ich habe nur noch eine Vorlesung und ein Seminar. Dafür arbeite ich aber jetzt mehr. Nebenbei organisiere ich mein Auslandssemester und habe meinen Tag mit Sport vollgepackt. Dazu kommt, dass einer meiner Mitbewohner im Sommer auszieht und ich auch für den Zeitraum meines Auslandssemesters einen Zwischenmieter finden muss. Also haben wir ständig WG-Bewerber hier.

Die gemeinsamen WG-Abende, die sich daraus ergeben, genieße ich sehr. Während wir nach einem passenden Neumitglied für unsere kleine Ersatzfamilie suchen, wachsen wir immer mehr zusammen. Das macht es aber schwieriger, jemanden zu finden, der unseren hohen Ansprüchen gerecht wird. Wir Fünf sind im vergangenen Jahr sehr vertraut geworden, wir wissen über das Leben jeden einzelnen Bescheid, stehen uns immer mit Rat und Tat zur Seite, kochen, backen und spielen zusammen, putzen und verschmutzen, zicken uns an und vertragen uns wieder. Die Person, die neu dazu kommen wird, muss einfach passen.

Trotz der vielen schönen WG-Abende, meinem vollen Tagesprogramm und dem vielen unterwegs sein, beschleicht mich in letzter Zeit oft ein Gefühl von Einsamkeit. Ich habe regelrechte Stimmungsschwankungen deswegen. Einerseits finde ich es angenehm, mal niemanden treffen zu müssen und tun zu können, was ich möchte. Andererseits hätte ich in diesen Momenten auch einfach jemanden, dem ich von meinem Tag erzählen und ihn ausklingen lassen kann. Dabei meine ich nicht mal unbedingt einen Beziehungspartner. Die Freundschaften, die mir in letzten Jahren in meiner Unistadt so wichtig waren, lösen sich schleichend auf. Die tolle Mädelstruppe, die wir waren – die im Bachelorstudium fast unzertrennlich war – trifft sich kaum. Vor einem Jahr zogen vier davon für das Masterstudium in eine andere Stadt. Wir drei, die übrig waren, trafen uns natürlich noch öfter, gingen Kaffee trinken, machten Filmabende oder gingen zusammen zum Sport. Aber vor ein paar Monaten zog die Eine mit ihrem Freund zusammen und in die Nachbarsstadt. Die Andere ist seit Anfang des Jahres frisch in einer Beziehung und ist deshalb oft bei ihm. Und ich? Ich bin immer noch hier. Ich habe keine Ersatz-Mädels-Truppe gefunden und keinen Freund mit dem ich zusammen ziehe oder meine Zeit verbringe.

In der Uni mache ich natürlich trotzdem hin und wieder neue Bekanntschaften. Durch mein Seminar habe ich einen netten Kerl kennengelernt, der gut backen kann. 😀 Er hat mir öfter schon Kekse vorbei gebracht. Ich unternehme gerne was mit ihm. Kumpelhaft. Eine neue „Freundschaft“ also. Glaube ich. Auf den ersten Blick wirkt er nicht anziehend auf mich. Aber trotzdem sehe ich in jedem Singlemann immer erstmal eine potentielle Datemöglichkeit. So ist es wohl, wenn man sich so lange als Single fühlt. Die Freundschaftsmöglichkeit besteht, wenn es dann nicht passt. Ich weiß wohl noch nicht so ganz wo ich hier stehe. Und auch nicht, wo er steht. Er fragt mich  abends ganz spontan, ob ich mit ihm spazieren gehen möchte. Er backt Kekse für mich. Er schreibt mir oft – aber oft auch nur Unibezogenes. Keine Ahnung. Jedenfalls unternehme ich gerne was mit ihm. Kumpelhaft.

Mit einem anderen Kommilitonen und den Leuten, die ich über das Start-up im November kennen gelernt habe, unternehme ich jetzt sehr viel. So war ich diese Woche und letzte Woche seit langer Zeit wieder feiern. Und seit noch längerer Zeit erst zum Morgengrauen zuhause. Ich habe getrunken und getanzt und Tränen gelacht. Ich habe es total genossen. Solche Abende wie gestern sind Erlebnisse, die mich wieder euphorisch stimmen und an denen ich mich nicht einsam fühle.

Einer aus dieser Freundesgruppe ist seit Kurzem wieder Single. Die Gruppe erwähnt mehr oder weniger subtil, dass sie uns doch verkuppeln können. Er ist ein super lieber Kerl und sieht auch nett aus. Und ich? Statt mit ihm normal umgehen zu können, wie ich es getan habe, als er noch in einer Beziehung war, werde ich plötzlich richtig schüchtern ihm gegenüber. Was ist nur los mit mir? Das Selbstbewusstsein, das ich dachte, das ich mittlerweile doch hätte, ist weg. Entschuldige mich, ich muss das kurz mal suchen gehen…

Vielleicht habe ich das bei Mr Gryffindor liegen gelassen? Nein, das kann nicht sein. Schließlich haben wir uns nie noch ein zweites Mal getroffen. Seit seinem Vorschlag versuchte er es hin und wieder mit spontanen Treffen. Wenn ich aber viel zu tun habe, kann ich nicht spontan sein. Dann ist jede Minute meines Tages verplant. Man muss dann Termine mit mir machen. Also versuchte ich es auf die Art. Ich schlug ihm immer wieder mögliche Treffen vor. Nie klappte es, er lehnte ab oder antworte dann einfach nicht mehr. Dann schrieb er mir einige Tage darauf eine banale Nachricht aus nur einem Smiley oder einem Wort. Was sollte das? Erst auf mutig tun und dann keine Taten folgen lassen? Lassen wir das doch einfach sein. Ich schrieb ihm noch ein letztes Mal, dass er was Konkretes ausmachen müsste, wenn er mich wirklich wiedersehen möchte. Oder es dann eben ganz sein lassen kann. Seine Antwort: „Okay.“ Und das wars. Dann eben nicht Mr Gryffindor.

Und solche Momente sind es, die mich zum grübeln bringen. Die Momente, in denen ich mich frage, ob meine Denkweisen eigentlich normal sind oder wieso ich ständig Bestätigung suche. Oder ob es nicht sogar völlig menschlich ist, Bestätigung im sozialen Umfeld zu suchen. Braucht das nicht jeder? Oder gibt es Menschen, die sich in jeder Hinsicht und zu jeder Sekunde des Tages selbst lieben und akzeptieren?

Ich brauche einfach mal wieder eine größere Aufgabe in meinem Leben. Etwas, mit dem sich mein Gehirn stattdessen beschäftigen kann. Ich freue mich auf meine Zeit im Ausland. Und dann auf mein letztes Semester im Master. Und dann auf den Berufsstart und dem Neustart in einer anderen Stadt. Aber Angst habe ich auch. Und genau an diesem Punkt stand ich schon mal. Kurz bevor ich mit meinem Bachelor fertig werden sollte.

Jetzt muss ich aber erstmal wirklich mein Selbstbewusstsein und meinen Optimismus suchen gehen. Und ich weiß schon wo: in mir selbst. Und in den positiven Erlebnissen, wie dem gestrigen Abend oder meinem Halbmarathon, den ich morgen schon antreten werde. Vielleicht liegen alle Antworten auf der 21-Kilometer-Strecke. 😉

 

Fünf Monate Abhängigkeit

In einem meiner letzten Beiträge habe ich geschrieben, dass ich mich niemals abhängig machen möchte von einem Mann. Ich möchte mein Leben selbstbestimmt leben  und meine Zukunft gestalten können, so wie ich sie mir vorstelle. Ich hatte lange die Idee für den Beitrag „Karrierefrau“ im Kopf, hab ihn abgetippt und am Ende mehrmals durch- und Korrekturgelesen, wie ich es immer mache. Meine Beiträge veröffentliche ich nur, wenn ich mindestens zu 90% zufrieden bin, mit dem was ich da geschrieben habe. Und ich war verdammt stolz, auf das, was ich da geschrieben habe. Ja, so will ich sein und so will ich leben! Das bin ich!

Ein leiser Gedanke schwirrte trotzdem ständig durch meinen Kopf. Ein Gedanke, der vielleicht auch der Grund war, wieso ich meine letzten beiden Dates (mit Mr Gryffindor und Mr Tinderjüngling) so herrlich locker gesehen habe. Ein Gedanke, der damals noch lauter war, als mich mein Exfreund (und damals wirklich guter Freund) im Winter besucht hatte, und ich ihm nicht die Nähe geben konnte, die er sich gewünscht und auch verdient hatte. Ein Gedanke, der mich keinen einzigen Tag der letzten fünf Monate losgelassen hat. Ein Gedanke, der mich abhängig machte. Jeden einzelnen Tag hasste ich mich dafür. Und heute hasse ich mich am meisten dafür.

Heute habe ich erfahren, dass Mr Regisseur nicht wiederkommt. Er kam nicht wieder, wie zuerst geplant, nach drei Monaten. Er kommt auch nicht wieder nach sechs Monaten. Er kommt vielleicht irgendwann wieder. Keine Ahnung wann. Er bleibt in L.A. bis er seinen fucking Film fertig hat.

Ich bin wirklich traurig. Und gleichzeitig ärgere ich mich so über mich selbst. In den letzten fünf Monaten habe ich jeden einzelnen Tag an ihn gedacht. Wie konnte ein Mensch mein Herz nur so berühren? Ein Mensch, der dann fünf Monate nicht da ist, sich sogar zwei Monate davon in keinster Weise gemeldet hat? Ein Mensch, den ich über Tinder kennengelernt habe und „nur“ einen Monat lang gedatet habe?

Ich habe das Gefühl, irgendwann war er in meinem Kopf nicht mal mehr ein Mensch. Er war nur eine verzerrte Gestalt – eine Mischung aus Erinnerungen von den Momenten, die wir zusammen gelacht und geredet und philosophiert hatten und der Person, dessen Tag ich auf den sozialen Medien verfolgen darf. Es war aber nicht mehr der wahre Mensch, an den ich dachte.

Ich habe so oft versucht ihn zu vergessen. Habe mir gewünscht, jemand anderen kennen zu lernen, an den ich stattdessen denken konnte. Habe mir eingeredet, dass ich gerne Single bin. Dass er eh nicht zu mir passt. Dass es keine Zukunft gibt. Dass ich übertreibe.

So wie ich jetzt beim Schreiben und Lesen erkenne, dass das alles völlig übertrieben ist. Aber es ist leider so wahr. Fünf fucking Monate sind genug Zeit, sich in ein Gedankenkonstrukt hineinzusteigern.

Aber jetzt wird es wirklich Zeit loszulassen. Ich denke, was die Situation von vornherein so schwierig macht, ist, dass es für mich nie ein richtiges „Ende“ gab. Am Tag nachdem wir uns erst richtig nah gekommen sind, ist er geflogen. Ich wusste, er würde in drei Monaten wieder kommen. Drei Monate konnte ich warten.

Aber aus drei Monaten wurden sechs Monate. Okay, die gingen auch irgendwie schnell vorüber. Und er schrieb mir ja immer wieder mal, flirtete, machte mir Komplimente.

Aber heute – heute ist es wirklich genug. Heute muss ich abschließen. Er schrieb mir, er würde noch länger bleiben müssen. Meine einzige Antwort: „schade“, dann schmiss ich das Handy auf mein Bett. Ich wollte seine Antwort darauf nicht sehen. Erstmal. Und beschäftigte mich zwei Stunden mit etwas anderem. Währenddessen schrieb er mir. Weil ich nicht antwortete nochmal. Ob ich traurig wäre.

Nachdem ich mich bereit fühlte zu lesen, was er geschrieben hatte, antwortete ich, dass ich schon traurig wäre. Ich hätte mich gefreut, ihn bald wieder sehen zu können.

Das wird das Letzte sein, was ich ihm schreibe. Bei den meisten Arten der Abhängigkeit sagt man doch, ein kalter Entzug wäre das Beste. Ich versuche es mal damit. Ich muss ihn endlich vergessen. Was soll das schließlich? Diese Gedanken haben die letzten fünf Monate schon viel zu viel meiner Energie gefressen. Verschwendete Gedanken.

Ich bin einzig und allein auf mich selbst sauer. Ich kann nicht mal ihm sauer sein, denn ich würde es nicht anders machen. Ich würde unabhängig mein Ding durchziehen und meinen scheiß Film produzieren weil ich ein verdammter erfolgreicher Regisseur sein will. Und das werde ich sein. Keine Regisseurin, aber verdammt erfolgreich und unabhängig. Der letzte Schritt, den ich gehen muss, um meine stolzen Worte im Beitrag Karrierefrau tatsächlich zu leben. Ein leiser Gedanke, der endlich zu einem stummen Gedanken werden muss.

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