Für Anstrengung wird man nicht belohnt

Heute war der erste Tag seit circa vier oder fünf Monaten, an dem ich mir erlaubt habe auszuschlafen. Und es tat verdammt gut. Ich habe mir einfach mal nichts vorgenommen. Also – ein paar Dinge hatte ich auf meiner To-Do-Liste notiert. Aber ich habe mich zum ersten mal seit vier Monaten nicht selbst dazu gezwungen, irgendwas heute erledigt haben zu müssen. Und was ist heute dann passiert? Ich habe alles geschafft. Seltsam, wie das mit diesem Leben manchmal so funktioniert.

Meine Prüfungsphase und damit das zweite Mastersemester in meinem Marketingstudium ist vorbei. Es war ein verdammt hartes Semester. Das wusste ich vorher schon. Deshalb habe ich mich von Anfang an reingehängt. Nachdem mein erstes Semester eher daneben ging, wollte ich dieses Semester besser sein. Ich habe mich selbst unter Druck gesetzt, ich war unter Dauerstress und -strom, bin gegen Ende keinen sozialen Aktivitäten mehr nachgegangen, habe mich abgeschottet um Lernen zu können. Bisher lehrte mich das Leben, dass man belohnt würde, wenn man sich anstrengt.

Aber was in der Vergangenheit funktionierte, funktioniert in der Gegenwart nicht immer. Für mein Abi habe ich damals viel gelernt. Ich habe mir Ziele gesetzt und mich reingehängt. Die Belohnung war ein Abi von 1,8, worauf ich unglaublich stolz war. Harte Arbeit zahlt sich aus, erkannte ich. Während meines Bachelors habe ich viel gelernt und gleichzeitig das Studentenleben genossen. Die Kurse fielen mir nicht allzu schwer. Ich wurde ebenfalls mit guten Noten belohnt und hatte eine tolle Zeit. Im letzten Semester des Bachelors wollte ich dann den Einserschnitt, den ich erreicht hatte, erhalten. Aber aufgrund der schlechten Noten in meiner letzten Klausur (was ich bis heute nicht nachvollziehen kann) und einer Bachelorarbeit, die hätte besser sein können – kam ich „nur“ auf eine 2,0. Ich war etwas enttäuscht. Aber es war okay. Ich mache ja noch einen Master. Da ist die Bachelornote egal und ich schaffe da ganz sicher einen Einserschnitt.

Und jetzt bin ich so weit vom Einserschnitt entfernt, wie ich es mir niemals erträumt hätte. Das erste Semester des Masters lief bescheiden – das zweite Semester beschissen. Trotz des vielen Lernens. Trotz der Vernachlässigung jeglicher sozialen Kontakte. Drei der vier Klausuren liefen nicht so gut wie erhofft. Eine lief dagegen besser als gedacht. Die Seminararbeit gab ich erleichtert zwei Tage vor dem Abgabedatum ab. Das Resultat: Alle Noten schlecht. Auch von der Klausur, die gut lief. Noch schlimmer wurde es, als ich erfuhr, wie gut die Noten meiner Kommilitonen waren. Alle waren ausnahmslos besser. Was war da passiert?

Vielleicht setze ich die Anforderungen an mich selbst zu hoch. Ich habe es ja schon bemerkt: ich war beim Lernen unglaublich ineffektiv. Unkonzentiert. Ließ mich ständig ablenken. Während ich die Prüfung schrieb, hatte ich teilweise Blackouts. Meine Seminararbeit gab ich ab, ohne sie nochmal zu überprüfen. Das war dumm. Ich war dumm. Wieso kann ich es nicht mehr? Wieso kann ich nicht mehr zielstrebig und effektiv lernen? Ich starrte die letzten Tage stundenlang auf meinen im Onlinekonto errechneten Notenschnitt. Rechnete aus, ob der Schnitt wirklich stimmte, rechnete nach ob, ich noch in den nächsten Semestern auf den Einserschnitt kommen könnte. Überlegte, wieso mir das alles früher so viel leichter gefallen war. War es, weil ich meine Mädels-Lerngruppe vom Bachelor nicht mehr hatte? War es, weil letztes Jahr mir die Sache mit Mr Schützenverein so in die Quere kam – und dieses Jahr, weil meine Gedanken ständig bei Mr Regisseur waren? Oder studiere ich einfach schon zu lange? Ist mein Gehirn mittlerweile einfach ausgewrungen, wie ein zerfranstes Handtuch, das nicht mehr ordentlich seinen Zweck erfüllt? Ist der Master zu anspruchsvoll für mich? Hätte ich mir doch gleich einen Job suchen sollen?

Es ist unglaublich frustrierend, wenn man sich so reinhängt und es alles am Ende nichts bringt. Die letzten Tage war ich furchtbar verzweifelt. Jetzt geht es zum Glück wieder. Ich kann es nicht mehr ändern und sehe das vergangene Semester als Lektion und als Anreiz, ab jetzt mein Studium eben so gut es geht zu machen, ohne mich weiter so unter Druck zu setzen. Ich werde die kommenden Semester entspannter angehen. Ich bin überzeugt davon, dass ich auch mit einer schlechteren Note als meine Kommilitonen einen tollen Job finden werde. Ich kann Praktika und Auslandserfahrung nachweisen. Ich bin nicht ortsgebunden, habe viele Interessen und kann mich überall bewerben. Und die nächsten Semester werden sowieso schon entspannter. Ich werde das Studentenleben noch genießen.

Und ich sollte eindeutig öfter ausschlafen und mir nichts vornehmen. Dann klappt ja offenbar alles. 😉

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8 Gedanken zu “Für Anstrengung wird man nicht belohnt

  1. Ach Mensch,das tut mir echt leid! Aber wie du schon sagst…deine Flexibilität wird dir hilfreich sein! Denn heute sind Noten nicht mehr allzu wichtig.Viele Menschen besitzen keine Flexibilität, Teamfähigkeit und Kreativität.Und das ist viel wichtiger als die Noten.Und ein guter Arbeitgeber weis das auch!

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    1. Danke für deine aufbauenden Worte! Meine sorge ist es nur, dass in der Marketing Branche die Konkurrenz von Arbeitssuchenden sehr hoch ist… Irgendwie muss dann ja aussortiert werden. Aber ich hoffe dann eben mal, dass es nicht ausschließlich die Noten sein werden. 😅

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  2. Das ist ein guter Ansatz! Jeder Mensch braucht Erholungsphasen, und das erst recht in stressigen Zeiten. Wie Du schon festgestellt hast, viel bringt nicht immer viel. Und mach Dir nicht zu viele Sorgen um einen Job, eins nach dem anderen, erst das Studium, bald bist Du im Ausland und der Rest ergibt sich. Gute Noten sind wichtig, aber es zählen auch andere Dinge. Ich habe schon einige Bewerbungsgespräche erlebt und teilweise war ich entsetzt wie schlecht z.B. die Anschreiben verfasst waren, wie wenig manche Bewerber vorbereitet sind und mit welcher Anspruchshaltung sie einem gegenüber sitzen. Das Auftreten und das Erscheinungsbild insgesamt lässt oft zu wünschen übrig, trotz guter Noten. Außerdem kann ich nur raten, genug Praktika und relevante Nebenjobs zu machen, das öffnet Türen und macht sich super im Lebenslauf. Ausland ist nice to have, aber meines Erachtens zählt die Arbeitserfahrung mehr.

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