Ich fühle mich nicht schlecht

Ich habe einen Fehler gemacht.

Nur so fehlerhaft fühlte es sich währenddessen und auch danach nicht an.

Ich habe meinen Freund betrogen…

Die Geschichte verlief so:

Montag bis Mittwoch besuchte ich meine beste Freundin am Bodensee. Da sie dort studiert, ich die Gegend liebe und sie von meinem Heimatort besser zu erreichen ist als von meiner Studienstadt, plante ich spontan einen Kurztrip dorthin. Montags ist dort der „Partytag“ für die Studenten (abartig eigentlich…). Wir schmissen uns also nach meiner Ankunft und einem schnellen Abendessen in Schale. Zum Vortrinken waren wir in die WG eines Freundes von ihr eingeladen. Es war nicht das erste Mal, dass ich meine beste Freundin besuchte. Ich kannte bereits viele ihrer Kommilitonen und Freunde. So wie auch den Kumpel, zu dem wir eingeladen waren. Den kannte ich sogar, sagen wir mal, „sehr gut“: jedes Mal, wenn wir uns sehen, fangen wir irgendwann an rumzumachen. Aufgrund vieler unglücklicher Zufälle kam es aber nie weiter als knutschen. Naja, und jetzt habe ich einen Freund. Also wird es auch kein knutschen geben. Sollte es jedenfalls nicht. Schade eigentlich. Und irgendwie eine gefährliche Situation…

Meine beste Freundin weiß natürlich Bescheid. Über die kleinen bisherigen „Affären“ zwischen ihrem Kumpel und mir und meine momentane nicht-so-hervorragende Beziehung zu meinem Freund. Außerdem mag sie Mr Schützenverein sowieso nicht so gerne. Deshalb gab sie mir gleich zu verstehen, dass sie nichts dagegen hätte, wenn heute mal wieder was mit mir und ihrem Kumpel laufen würde.

Ich nenne den Kumpel mal Mr Spiel. Denn für ihn ist die Welt und das Leben ein einziges Spiel. Er ist jung, naiv und nimmt das Leben auf die leichte Schulter. Eigentlich eine attraktive Einstellung. Nur ist für eine solche Person eine Beziehung ebenso unwichtig. Von meiner besten Freundin habe ich mir sagen lassen, dass Mr Spiel zwar mehrmals eine Beziehung geführt hatte, allerdings hatte es nie lange gehalten. Seine Naivität führe nun mal zum Grundsatz „aus den Augen, aus dem Sinn“. Also habe ihn bereits sehr früh, nach unserem ersten Kennenlernen, als potentiellen Partner ausgeschlossen. Aber Spaß kann man ja immer haben. Nur bisher halt irgendwie nie mehr als Knutschen.

Wir erreichten also die WG von Mr Spiel, begrüßten alle (ich kannte erstaunlich viele Leute, dafür dass ich so selten dort bin) und begannen zu trinken. Bereits nach dem ersten Bierpongspiel spürten meine Freundin und ich den Alkohol sehr deutlich. Irgendwann plapperte ich vor einem Mitbewohner von Mr Spiel heraus, dass ich ja immer mit ihm rummachen würde, aber dieses mal würde es ja nicht gehen, weil ich einen Freund habe… aber vielleicht ja doch, weil ich gerade so unglücklich bin. Ich dachte natürlich nicht weiter darüber nach, was ich da gerade erzählte, aber der Mitbewohner nahm an dem Abend die Beschützerrolle ein. Er fragte mich mehrmals, ob er mich vor Mr Spiel retten solle und ob alles in Ordnung wäre. Hach, aufmerksame Männer sind wirklich goldwert. 🙂

Viel gebracht hat mir mein Beschützer aber nicht. Was allerdings natürlich nicht seine Schuld ist, denn wie man erkennen kann, hatte ich mir der Alkohol bereits mein Vorhaben in den Kopf gesetzt. Oder vielleicht war da noch nicht mal der Alkohol Schuld. Wir gingen später alle (mehr oder weniger) gemeinsam in den Club. Nach ein paar Shots ging es auf die Tanzfläche aber von Mr Spiel war lange nichts zu sehen. Wo war der denn? Ich wollte doch flirten! Meine beste Freundin machte bereits mit einem Kerl herum und ich entdeckte nach einer gefühlten Ewigkeit Mr Spiel mit einem Getränk am Rand. Ich gesellte mich zu ihm und nach kurzem Quatschen gab er mir ein Gin Tonic aus. Als wir leer getrunken hatten gingen wir tanzen. Ich glaube danach gingen wir nochmal an die Bar (es kann sein, dass ich die Reihenfolge nicht mehr so ganz rekonstruieren kann… an diesem Abend schlug der Alkohol recht hart an 😀 ).

Wir tranken einen weiteren Gin Tonic und redeten darüber, dass ich ja einen Freund habe und es schade wäre, dass heute Abend nichts laufen kann. Trotzdem flirteten wir heftig. Bis mich meine beste Freundin auf die Toilette bat. Ich erzählte ihr von meiner misslichen Lage und sie entschied, dass es wohl besser wäre, wenn wir gingen. Mit ihrem Lover wollte sie sowieso nicht weiter gehen, sondern auch lieber zuhause schlafen. Sie erzählte mir, dass ihr Lover ein guter Freund von Mr Spiel sei und er ebenfalls eine Freundin hatte. Er betrog also gerade auch seine Freundin, mit meiner besten Freundin. Oh mann, was passiert hier eigentlich? Für ihren Kerl sah es aber so leicht aus. Als würde er überhaupt nicht nachdenken müssen. Wie kann er das nur? Was sind das für Monster? Bin ich auch so eins??

Naja, wir wollten gehen, aber ich wollte mich zumindest noch von Mr Spiel verabschieden. Und jetzt lasst euch gesagt sein, liebe Leser: Verabschieden ist in einer solchen Situation eine ganz schlechte Idee. Nach unserer Ankündigung zog mich Mr Spiel vor die Bar um noch ein bisschen zu tanzen (nicht mehr auf die Tanzfläche), während meine beste Freundin und ihr Lover zum Abschied weiter wild knutschten. Ich guckte Mr Spiel an und gab zu, ich würde ihn jetzt auch gerne küssen. „Das ist deine Entscheidung…“, war seine Antwort. Und nach einem langen Seufzen drückte ich meine Lippen auf seine. So war es geschehen. Ich betrog gerade meinen Freund. Aber spürte wieder die Aufregung eines leidenschaftlichen Kusses, diese kleinen Purzelbäume, die der Magen dann so gerne macht. Nach ein paar Minuten guckte ich mich nach meiner Freundin um. Ohne Worte flüchteten wir zur Gardarobe um unsere Jacken zu holen. Ich murmelte ihr zu „ich kann das nicht“, wobei im Nachhinein der Satz keinen Sinn macht, denn ich habe ja schon.

Es dauerte natürlich nicht lange bis die Jungs wieder auftauchten. Noch an der Garderobe umarmte mich Mr Spiel zärtlich von hinten und flüsterte mir ins Ohr „Aufgeben ist aber nicht so mein Ding“. Ein klitzekleines Gefühl der Freunde beschlich mich. Aber gott, wieso freute ich mich denn?! Meine beste Freundin und ihr Lover bezahlten bereits ihre Verzehrkarte und gingen vor die Tür. Ich wartete höflich aber mit gemischten Gefühlen auf Mr Spiel, der noch in der Schlange stand. Zumindest würden wir noch zusammen ein kurzes gemeinsames Stück in Richtung unserer Wohnungen laufen. Als er wieder bei mir war legte er den Arm um mich. Wir küssten uns noch mehrmals und es war klar, dass jetzt die Frage im Raum stand, ob ich zu ihm kommen würde. Betrogen hatte ich meinen Freund doch eh schon.

Jedoch ist es für mich ein viel größerer Schritt während einer Beziehung mit einem anderen Mann zu schlafen als „nur“ zu knutschen, sei die Beziehung noch so blöd. Andererseit hatte ich sowieso vor einigen Tagen den Beschluss gefasst, nach meiner Rückkehr in meine Studienstadt mit Mr Schützenverein Schluss zu machen. Und fremdgegangen bin ich nun mit dem Knutschen ja eh schon. Und wer weiß, wann sich die nächste Gelegenheit mit Mr Spiel ergeben würde? Ich war neugierig auf Mr Spiel und hatte auch irgendwie Lust. Wir liefen das Stück Weg gemeinsam und ich grübelte und grübelte. Kann ich das tun? Sollte ich das tun? Wollte ich das tun?

Es ging nun nur noch in seine Richtung oder in unsere. Ja, los. Bevor ich meine Meinung nochmal ändere. Wir gingen ein paar Schritte in seine Richtung, während meine beste Freundin mit ihrem Lover in Richtung ihrer Wohnung lief.

Halt, nein. Ich kann das nicht. Oder doch? Ich blieb stehen. Verzweiflung machte ich breit. Bis hierhin hatte ich eh schon fast eine halbe Stunde gegrübelt. Jetzt wo unsere Wege sich wirklich trennen und der Entschluss feststehen würde, wurde der Druck zu groß.

Nein. Nein, ich kann das wirklich nicht. Ich lief auf meine beste Freundin zu. Sie schickte ihren Lover weg und gingen zusammen den Weg zu ihrer Wohnung. Ohne uns ein letztes Mal umzudrehen. Mr Spiel tat mir Leid.

Auch am nächsten Tag: kein Gefühl der Reue. Mr Spiel tat mir immer noch mehr Leid als Mr Schützenverein.

Und falls folgende Fragen noch offen sein sollten: Nein, Mr Spiel hat sich nicht mehr gemeldet (denn „aus den Augen, aus dem Sinn“, bis zum nächsten Mal zumindest) und nein, ich werde Mr Schützenverein nichts erzählen. Ich werde Schluss machen. Es passt einfach nicht. Es ist schade aber es passt nicht. Unsere Persönlichkeiten und unsere Erwartungen an eine Beziehung sind zu unterschiedlich.

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3 Gedanken zu “Ich fühle mich nicht schlecht

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