Ich hab mir da mal was überlegt

Hallo, hier bin ich wieder! Vor lauter Stress musste ich mein Tagebuch die letzten fünf Wochen zuklappen und fein säuberlich in die Ecke legen. Es waren wichtigere Dinge angesagt. Ich habe oft an das Büchlein gedacht. Habe mir gewünscht, meine Gedanken niederschreiben zu können. Aber heute, am 2. Januar 2016 hole ich lieber mein Tagebuch wieder aus der Ecke hervor, puste den Staub ab und fasse die letzten fünf Wochen zusammen.

Fünf Wochen später:

Weihnachtszeit vorbei. Weihnachten vorbei. Silvester vorbei und das Jahr 2016 da.

Stress ebenfalls noch da. Bachelorarbeit leider nicht vorbei. Praktikum ungewollt bald vorbei.

Singlezeit vorbei und Mr Schützenverein noch da.

Und die Pläne für 2016 schreien ganz laut „wir sind da!“


Und nach der knappen Inhaltsangabe besser nochmal ausführlicher:

Wichtiger als Tagebuch schreiben war natürlich Bachelorarbeit schreiben. Viel habe ich aber bis heute leider noch nicht vorzuweisen. Nämlich genau nur zwei Seiten. Am 26. Februar habe ich 40 Seiten abzugeben.

„Ist doch kein Problem, ist doch noch genug Zeit“ könnte man nun denken. Klar, wenn man sich nicht noch ein Vollzeit-Praktikum in einer Agentur vorgenommen hätte. Und weil sich für mich beides schlecht vereinbaren lässt, habe ich beschlossen das Praktikum abzubrechen. Leider. Denn das Praktikum macht mir mittlerweile großen Spaß. Ich kann mir sehr gut vorstellen später etwas ähnliches zu machen. Etwas in Richtung Eventmanagement.

Aber bevor ich mich selbst kaputt mache, muss ich Prioritäten setzen. Und da schneidet Studium höher ab. Wenn da nur nicht das Gefühl wäre versagt zu haben. Andere schaffen es auch Vollzeit zu arbeiten und nebenbei eine Bachelor- oder Masterarbeit zu schreiben. Wieso tue ich mir so schwer damit? Wieso fühlen sich meine Wochenenden zu kurz an? Bin ich zu faul gewesen oder ist mir meine Freizeit und mein neuer Freund wichtiger gewesen? Vielleicht war der Dezember dafür einfach nicht geeignet und ich würde im Januar mehr schaffen? Aber gleichzeitig muss ich mich in den kommenden Monaten nach einer neuen Wohnung umsehen. Ende März muss ich aus dem Studentenwohnheim ausziehen. Wenn ich dann bloß wüsste, was ich nach meinem Bachelorabschluss machen möchte… Aber langsam kristallisiert sich eine Idee heraus.

Bei der Entscheidung für den Abbruch meines Praktikums geben mir zumindest die Meinung meiner Eltern, meiner Freunde, meines Freundes und sogar die Meinung der Frau der Beratungsstelle die Gewissheit, dass es für mich die richtige Entscheidung ist. Zumindest habe ich dort fünf Wochen in die Arbeit hineinschnuppern können und viel lernen können. Und genau diese Wochen haben mich zu meiner neuen Idee geführt.

Als ich eines Abends nach 9 Stunden arbeiten vom Bahnhof nach Hause lief hörte ich an den Studentenwohnheimen junge Leute ausgelassen feiern. Ich würde mir nur noch etwas zu essen machen, kurz an den PC setzen und mich dann bettfertig machen, da ich am nächsten Tag wieder zur Arbeit musste. Es musste also Donnerstag sein. Auf diesen Wochentag fallen bei uns immer die Studentenparties. Es war noch garnicht so lange her, da war ich ebenfalls fast jede Woche dabei. Aber das war nun vorbei. Leider. Ich sehnte mich so sehr nach meiner Studentenzeit.

Aber moment. Ich war doch noch Studentin. Und ich könnte es auch noch weiterhin sein. Schließlich bin ich erst 23 und habe nur einen Bachelorabschluss. Ich möchte nicht arbeiten. Zumindest noch nicht. Ich möchte nicht 40 bis 50 Stunden die Woche im Büro sitzen, abends nach Hause und morgens wieder aufstehen um den selben Tag immer und immer wieder von vorne zu beginnen. Nicht wenn ich weiß, dass ich in dieser Zeit mein Leben weiter führen könnte, wie es die letzten drei Jahre war. Mit Menschen meines Alters, Möglichkeiten zu Reisen, Zeit für viel Sport und meinen Hobbies, selbstständigem Lernen, dem Streben nach einem höheren Abschluss, die Möglichkeit meine Zeit als junge Erwachsene auszuleben und vor allem mehr Zeit zu entdecken, wie ich mein Leben wirklich leben möchte. Ich möchte weiter Studentin bleiben. Ich möchte einen Master machen. Und dank meines Praktikums weiß ich in welche Richtung ich mich weiterbilden möchte. Ich möchte Marketing und Management studieren.

Ich war begeistert von dieser Idee. Sie ging in mir auf, Blüte für Blüte, wie eine schöne Blume. Diesen perfekten Studiengang gibt es an meiner jetzigen Uni. Die Module hören sich unglaublich interessant an. Ich könnte ein weiteres Auslandssemester machen. Und wäre sogar mit 26 Jahren fertig mit studieren. Ein gutes Alter für den Jobeintritt und hoffentlich zu wissen, was man vom Leben möchte. Ich würde während dem Masterstudium in einer Stadt bleiben, die ich kenne, bei Leuten, die ich kenne, bei meinen Mädels, die alle ebenfalls noch im Umkreis weiter studieren und mit meinem Freund müsste ich keine Fernbeziehung eingehen. Und aus Neugierde und um meinen vorherigen Plan nicht vollkommen über Bord zu schmeißen, werde ich mich trotzdem für Jobs bewerben und sehen was sich ergibt. Doch ich konnte es kaum erwarten, meinen Eltern und Freunden zuhause von meiner neuen Idee zu erzählen.

Zu Weihnachten fuhr ich natürlich wieder zu meinem Elternhaus. Kurz nach meiner Ankunft rückte ich mit den Neuigkeiten heraus. Doch der Blick meiner Eltern ließ die frischen Blüten leicht anwelken. Mein Vater hatte vor kurzem seinen Job gekündigt. Sie wollen mir zwar von ganzem Herzen die Ausbildung ermöglichen, die ich mir wünsche. Nun hatten meine Eltern aber gehofft, dass ich tatsächlich bald arbeite und selbst Geld verdienen könnte. Meinen Bachelor hatten sie in dem Sinne nicht „finanziert“, aber sie hatten mir monatlich das Kindergeld und zusätzliches „Taschengeld“ überwiesen mit dem ich zusammen mit meinem angesparten Geld immer gut über die Runden kam, nachdem ich seit dem letzten Semester kein Bafög mehr bekommen habe. Nun würde für ein Masterstudium aber eine neue Wohnung anstehen mit einer höheren Miete, als ich sie im Wohnheim zahlen musste. Bafög würde ich vermutlich wieder bekommen während mein Vater nun auf Jobsuche ist. Aber um einen Studentenjob komme ich nicht vorbei. Das macht mir nichts, ich habe ja bereits seit zwei Jahren einen Studentenjob. Dort konnte ich allerdings bisher nicht regelmäßig arbeiten und das Gehalt ist gerade mal Mindestlohn. Einen zusätzlichen Job zu finden ist nicht leicht, wie ich zu Beginn des letzten Semesters herausgefunden habe. Da hatte ich aber den Druck noch nicht. Wenn ich mir dieses Mal mehr Mühe gebe, klappt das sicher. Wenn ich will, klappt es alles.

Meine beste Freundin fand die Idee einen Master zu machen super. Nicht so super fand sie, dass ich an der Uni bleiben möchte an der ich meinen Bachelor gemacht habe. Sie findet, ich solle mal nachsehen, ob es nicht in anderen Städten einen ähnlichen Studiengang gibt, denn ein Neuanfang ist immer gut. Meine beste Freundin und ich sind Menschen, die nie lange an einem Ort bleiben. Wir könnten niemals unser Leben lang im gleichen Ort wohnen. Wir brauchen immer neue Herausforderungen, wollen neue Leute und neue Orte kennenlernen. Wir sind der Meinung, dass man so das Meiste aus seinem Leben herausholen kann. Die neuen Situationen zwingen einen für sein Leben zu lernen. Bei jeder großen Reise und jedem Umzug haben wir so viel erlebt und gelernt. Deswegen könnte es passieren, dass ich es nach ein paar Monaten bereue in der gleichen Stadt geblieben zu sein.

Sie hat recht. Sie kennt mich wirklich gut. Es wäre toll, eine neue Stadt und neue Leute kennenzulernen. Vielleicht sogar wieder näher zu meiner Familie zu ziehen. Ich habe ihre Meinung in Erwägung gezogen, habe zwei volle Tage damit verbracht im Internet nach ähnlichen Masterstudiengängen zu suchen. Aber keiner passte so perfekt wie der an meiner Uni. Ich überlegte weiter. Wollte ich überhaupt schon wieder einen so krassen Neuanfang? Reichte ein kleiner nicht auch schon? Hier würde ich zwar an der gleichen Uni bleiben aber ich würde mit anderen Leuten studieren. Ich würde zwar in der gleichen Stadt wohnen bleiben aber ich würde in eine neue Wohnung ziehen. Ich hätte weiterhin meinen kleinen Studentenjob, die Wohnungen sind günstig, ich kenne die Abläufe an der Uni, kenne die Stadt und die Umgebung, habe meinen Freund und die Leute, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Warum sollte ich es mir unnötig schwer machen, wenn ich hier zufrieden bin?

Jedoch schwirrt mir noch ein weiteres Argument im Kopf herum. Hat meine momentane Tendenz, das Studium hier weiterzuführen, unterbewusst etwas mit Mr Schützenverein zu tun? Wir sind gerade mal seit sechs Wochen zusammen. Nach vier Jahren Singlesein möchte ich mich nun vielleicht mit aller Macht an meine neue Beziehung klammern. Ich hatte mir immer geschworen mich bei Zukunftsentscheidungen niemals nach einem Mann zu richten. Wenn die Beziehung während dem Masterstudium nicht hält, kann es sehr gut sein, dass ich meine Entscheidung bereuen würde.

Trotzdem bin ich mir im Moment so sicher, wie ich mir noch nie war. Genau diesen Master an genau dieser Uni ist die richige Entscheidung. Ich habe so viele Argumente dafür. Ob da nicht mein Unterbewusstsein meine Argumente dreht, wendet und lenkt, kann ich nicht sagen. Aber ich kann sagen, dass ich in meinem Leben noch nie eine Entscheidung bereut habe. Außerdem geht es ja nur ein Masterstudium, nur um eine Stadt und es nur zwei Jahre. Übertreib also mal nicht so, Tagebuchschreiberin. 😉

 

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19 Gedanken zu “Ich hab mir da mal was überlegt

  1. Es ist spannend, diese ganzen Zukunftsüberlegungen und -aussichten mitzuverfolgen!

    Andererseits wird mir dann erst bewusst, wie festgefahren so ein Leben wirklich ist, wenn man im Job steht, in der Familie und auch einfach ein paar fucking Jährchen älter ist, als du jetzt.

    Insofern: Folge dem Ruf deines Herzens, es wird noch früh genug anfangen, wegen lauter Zwänge um Hilfe zu rufen 😉 :-).

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      1. Ich war ja nun niemals wirklich Student (nur an der Fachhochschule), kann mich also in das „Studentenleben“ auch nur bedingt einfühlen. Wichtig ist es wohl, trotz allem den Fokus nicht ganz aus dem Blick zu verlieren, wo und wann so ein Studium einmal enden soll. In meinem Familien-/Bekanntenkreis haben da einige schon ein böses Erwachen gehabt.

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  2. Interessanter Artikel, in dem ich mich an ein paar Stellen wiedergefunden habe. Allerdings finde ich das Argument, dass man an eine andere Uni gehen sollte, um des Neuanfangs Willen, für sehr schwammig. Es hat durchaus Vorteile, den Master im gewohnten Umfeld und mit bekannten Dozenten zu töpfern.

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  3. Haha wie du einfach die selbe Lebensphase wie ich durchmachst. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass jetzt ausstudiert ist. Ich will endlich selbstständig sein. Arbeiten, mein eigenes Geld verdienen. Dank meiner erfolgreichen Bewerbungen, habe ich einen Job. Bei mir kam natürlich noch dazu, dass ich genau weiß in welcher Branche ich arbeiten will und mich schon während meinem Bachelor darauf spezialisiert habe.
    Apropos Thesis: Vielleicht bekommst du ein besseres Gefühl, wenn ich dir sage, dass ich ohne Vollzeit-Job auch nur 7 Seiten geschafft habe. Abgabe ist bei mir auch Ende Februar, nur müssen es bei mir 50 Seiten sein 😦

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    1. Ja stimmt, komplett die gleiche lebensphase 😀
      Das war auch noch mein Plan anfangs, auch mit derselben Begründung… Aber wie man sieht können sich Pläne im Leben sehr schnell ändern 🙂
      Glückwunsch zum Job! Jetzt würde mich interessieren in welcher Branche du arbeiten möchtest 😀

      Ja, das hilft etwas 😀 wir schaffen das mit der thesis!

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  4. Ich habe Deinen Beitrag gerade erst gelesen und dazu vielleicht erst diese Woche einen ganz brauchbare Artikel für Dich verfasst. 😉
    Du bist noch jung! Du hast Zeit! Genieß das Studentenleben. So ein Master ist eine gute Voraussetzung für alles was danach kommt. Und wenn Du vielleicht gerade nicht umziehen willst, der Studiengang perfekt ist und Du der Beziehung eine Chance geben möchtest, bleib da! Du könntest ja auch noch ein Auslandspraktikum oder -semester machen? Bis dahin ist die Beziehung auch gefestigter (oder nicht) und hält der Sache Stand.

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