Wiederkehrend. Teil II

Fortsetzung zu Wiederkehrend. Teil I

Heutzutage schreibt man kein Ernährungtagebuch mehr, sondern speichert alles in eine App. Die sagt einem sogar genau, wie man seine Nährstoffe zu verteilen hat. Sportler müssen mehr Proteine essen. Fett ist okay, Kohlenhydrate eher weniger. Je nach Typ. Von viel Brot und Spaghetti bekomme ich einen aufgeblähten Bauch. Und ein schlechtes Gewissen. Also bin ich wohl der Low-Carb-Typ. Low Carb klappt super. Ich esse viel Proteine, kann immer neue Rezepte für mich erfinden, koche und backe ganz erfinderisch. Kochen und Backen waren schon immer meine Leidenschaft. Nun mit neuen Zutaten wie Proteinpulver, Caseinpulver, „Flavdrops“, Soyamehl, Flohsamen, Chiasamen. Ich habe immer die neusten Produkte in der Küche, sobald Instagram sie mir anzeigt. Nur leider habe ich niemanden, mit denen ich meine neuste Back- oder Kochkreation teilen kann. Dann halt schön herrichten, Foto knipsen und auf meinen Instagramaccount posten. Dann erst kann einsam vor mich hingegessen werden.

Achja – dieses Instagram. Mit diesen Sixpacks, die meine Lieblings-Instagram-Fitness-Queens haben. Ja, sowas will ich auch. Das schaffe ich auch. Mit diesem Programm, das jetzt jede Queen macht. 70 Tage durchhalten, dann mit seinem Traumkörper und einem riesen „Cheatday“ feiern. Ich bin zufrieden mit meinem Körper. Mit meinem Leben. Mit meiner Vereinbarung zwischen essen und Sport. Nur ja – mein Bauch könnte eigentlich besser sein. Eigentlich tut einem eine neue Herausforderung doch auch mal gut. Also Sixpack sollte es sein. Ich brauche kein teures Programm dafür. Ich weiß genug über Ernährung und Sport. Und diese Disziplin muss ich mir eben aneignen. Ich setzte mir 68 Tage. Denn am 11. August habe ich meine letzte Klausur. Den Tag will ich mit Sixpack und Cheatday feiern. Allen Freunden habe ich von meinem Projekt erzählt. Damit ich ja nicht kneife, sondern durchhalte. Danach geht es nach Hause zu meinen Eltern. Dort will ich nicht mehr jedes Gramm Nahrung abwiegen und die Kalorien berechnen. Dort will ich entspannen.

Die bisherigen Wochen liefen gut. Die Kilos, die ich während meines Auslandssemesters vergangenes Jahr zugenommen hatte, waren wieder unten und die Muskeln wieder aufgebaut. Zwischendurch gab es natürlich Tage, an denen ich ein bisschen „cheaten“ musste. Mit Freunden grillte, in Berlin den Kurzurlaub genoss oder auf einer Party Bier und Knabberzeug futterte. Auf einer Kirmes erlaubte ich mir sogar einen großen Cheatabend und aß alles in mich hinein, worauf ich Lust hatte. Am übernächsten Tag wog ich wieder genauso viel wie zuvor. Alles easy. Ganz entspannt. Es läuft super. Sogar so super, dass ich mich traute mir mein Bauchnabelpiercing stechen zu lassen. Ich war so verdammt stolz.

Und jetzt? Jetzt sind es nur noch 13 Tage bis zu meiner Deadline. Ich habe kein Sixpack. Das unkontrollierte Essen häuft sich. Das schlechte Gewissen zeigte sich wieder. Ich habe keine Lust mehr darauf, alles was ich esse in meine App zu speichern. Tue es aber doch. Es ist ein Zwang. Der Zwang Kalorien zu zählen. Seit ich 12 Jahre alt bin tue ich es. Mal belastet es mich mehr, manchmal weniger. Ich kenne von so gut wie jedem Nahrungsmittel die Kalorienangabe. Und mittlerweile auch die Kohlenhydrat-, Protein- und Fettmenge. In meinem Kopf schwirren zahlen. Regeln. Die letzten paar Tage häufen sich die Kopfschmerzen, die Träume, der Druck. Ich bin einfach nur müde davon. Müde, unzufrieden und traurig.

Würde man mich im Alltag sehen, würde keiner etwas merken. Ständig sieht man mich essen. Aber es ist alles ein Essen nach Plan und Regeln. Ich muss 1500 Kalorien zu mir nehmen, sonst mache ich mir meinen Stoffwechsel kaputt. Ich darf nicht mehr als 1700 zu mir nehmen, sonst nehme ich zu. Einen Sixpack schaffe ich natürlich nicht mehr bis zu meiner Deadline. Trotzdem bin ich stolz auf was ich die letzten Monate geschafft habe. Ich blicke in den Spiegel jeden morgen und bin glücklich mit meiner Figur. Ja, ich habe sogar Tage an denen ich, wäre ich ein Mann „mich selbst ficken wollen würde“. Aber was ist dann nur mit mir los? Wieso mache ich mich trotzdem so fertig, wenn ich zu viel esse? Wenn ich keinen Sport gemacht habe?

Mittlerweile geht es wieder los: Ich kaufe mir Süßigkeiten und horte es unter meinem Bett. Es ist für den Cheatday gedacht. Nach diesem Stichtag wird alles besser. Ich bin mir sicher. Ab dann werde ich keine Kalorien mehr zählen. Die Zeit Zuhause werde ich das Essen genießen. Die zehn Tage Zuhause werden Urlaub für meinen Kopf. Und danach? Habe ich vermutlich wieder alles zugenommen und der Kreislauf beginnt von vorne.

Wird es mein ganzes Leben so weiter gehen?

Ich habe einfach nur den Wunsch, eines Tages aufzuwachen und normal frühstücken zu können. Ohne Zahlen in meinem Kopf. Ohne Regeln.

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14 Gedanken zu “Wiederkehrend. Teil II

  1. Als jemand, der aus anderen Gründen wiederkehrende und fortwährende Probleme mit dem Essen, seiner Figur etc hat, würde ich Dir gerne sagen, dass es nach dem Cheatday alles besser wir und Du niiiiiiie wieder in den Kreislauf gerätst und an dem Punkt ankommen wirst, wo Du ohne Aufwand und Verzicht einfach „ok“ mit Dir bist.
    Würde ich gerne – kann ich aber nicht. Und ich sage Dir hier sicher nichts Neues, wenn ich anmerke, dass dieses angespannte Verhältnis zu Essen und Sport auf Dauer nicht gesund ist und Du Dir Hilfe suchen solltest und sie auch annehmen solltest.
    Wer weiß, was Deine nächste Sucht wird? Irgendwas scheinst Du zu suchen und nicht zu finden, vielleicht kann Dir jemand dabei helfen. und dabei einfach mal „ok“ mit Dir zu sein … Ohne Programme, ohne Zahlen, ohne schlechtes Gewissen 🙂

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    1. Dass ich hoffe dass alles nach dem cheatday besser wird, aber es nicht so sein wird, weiß ich leider auch 😦 war ja schon oft genug dass diese sucht wiederkommt..
      In letzter Zeit war ich schon mehrmals kurz davor mir Hilfe zu holen. Aber entweder kommt dann wieder die Phase in der alles gut und normal läuft. Oder ich denke mir, dass es bei mir ja nicht so schlimm ist wie bei anderen. Ich esse ja genug. Und auch gesund. Ich bin auch nicht untergewichtig. Es ist nur dieser zwang, der mich langsam sehr müde und fertig macht…

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      1. Sieh‘ es mal so – wenn Du unverbindlich zu einer Beratung gehst, dort von dem Zwang und dem wiederkehrenden Muster der Sucht (nach Kontrolle, nach Sport, nach ?) erzählst und die Dich dann nach Hause schicken, weil es bei Dir nicht so schlimm ist, wie bei allen anderen – dann ist doch super 😉

        Aber mal ehrlich? Davon gehst Du doch eigentlich nicht aus … 🙂

        Klar, du musst nicht künstlich ernährt werden und hast kein Organversagen, Haarausfall, verqueren Hormonhaushalt … Aber der Zwang und der Druck sind eben auch nicht gesund …

        Glaub‘ mir, ich weiß, wie schwer der erste Schritt ist … Aber er lohnt sich. 🙂

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      2. Dann bleibt noch die Frage offen, wann ich den ersten Schritt tun kann :/ Ich bin bald erstmal 10 Tage bei meinen Eltern, dann drei Wochen an meinem studienort, danach 6 Wochen bei meiner Tante (in der nähe meines Elternhauses) und dann erst wieder im November längere Zeit am studienort. Ich wüsste nicht an welchem der Orte ich mir denn Hilfe suchen sollte Mit so zerstückelten Zeitabschnitten bringt das ja sicher auch nix. Oder wie läuft das? 😀

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      3. Naja ich vermute mal, dass Deine Uni-Stadt nicht so klein ist, innerhalb von 10 Tagen bekommst Du schon was hin. 🙂
        Wenn Du dort einen Hausarzt hast, kannst Du da anfangen. Oder bei einer Beratungsstelle für Ess-Störungen. Vielleicht magst Du aber auch mal schauen, ob es eine Vermittlungsstelle für Therapien gibt. Alle drei Optionen sind ein Anfang und im Zweifelsfall hilft Dir tatsächlich die Zeit danach erstmal zu sortieren und Dich schlau zu machen, was der beste Weg ist.
        Und ob Du überhaupt was machen möchtest, denn am Ende des Tages musst Du es wollen 😉

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      4. Du hast recht, am besten Suche ich mir hier was und auch bald, da es mich ja zur Zeit akut belastet. Erstmal eine kurzberatung ist wahrscheinlich eh der Normalfall. Ich werde mich mal schlau machen was es für Vermittlungs- oder Beratungsstellen gibt. Vielen Dank für deine Antworten! Das hilft mir wirklich! 🙂

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  2. jaja… kylas army und freeletics… der natürliche Feind der münchner Biergartenwampe… Mein Problem aktuell.. Das Sixpack ist irgendwo darunter verborgen.. bin ich mir sicher…

    Meine Ex-Freundin war immer (zu) schlank obwohl sie das gleiche gegessen hat wie ich.
    Beim mir ist eher das Gegenteil der Fall. Ohne Sport gehts sofort aufwärts – Aktuell BMI Obergrenze +5kg bzw 10kg über meinem Wunschgewicht.
    Zu viel Biergarten und Grillparties….

    Allerdings zähle ich keine Kalorien im Essen mehr sondern im Verbrauch. Das macht mehr Spass.
    Runtastic und los gehts. Seit ca 2 Wochen wird wieder gelaufen.
    Naja, und ich will in der virtuellen Laufgruppe meiner Runtastic-Freunde nicht der letzte sein. Das treibt mich an.
    Für 6km laufen gibts dann auch ne Mass Bier „umsonst“ oder halt -450 kcal Defizit im Vergleich ohne laufen.
    Das gleiche für ca 1km schwimmen (40 Bahnen).

    Ich muss leider zugeben ich finde dünne Frauen auch viel attraktiver, wäre ich allerdings eine würde ich mich wohl (aktuell) nicht attraktiv finden… Naja, der Sport wirds schon wieder hinbiegen…

    Also: Iss normal und geh dafür 3 mal die Woche aufn Xtrainer beim Mcfit-star um die Ecke 😉

    Go!-Fight!-Win!

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    1. Den Verbrauch zu zählen ist auch gut und motiviert sicher mehr. das macht meine app ja auch. Daher die Regelung dass ich mehr essen kann wenn ich Sport mache. Aber da haben wir es auch wieder: die Regeln. Ich will einfach ohne diesen zwang der Regeln in meinem Kopf essen, Sport machen und leben können.
      Und mein Problem ist auch nicht, dass ich mich dick fühle oder es überhaupt bin. Das Problem ist die Angst vor dem zunehmen und die sich daraus entwickelnden zwänge.

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  3. Ich rate Dir, liebe Tagebuchschreiberin, genauso wie lilasumpf, Dir Hilfe zu suchen. Das kann der Schlüssel für einen anderen Umgang mit dem Essen und Deinem Körper sein. Es gibt eine Vielzahl von ärztlichen und therapeutischen Hilfansgeboten, die Dich auf Deinem Weg unterstützen können, sicher auch in Deiner Unistadt.
    Und noch ein Rat: Nimm Dich an, so wie Du bist. Du darfst so sein, wie Du bist! Mit allen Deinen Stärken und auch Deinen Schwächen!
    Und zum Abschluss auch noch ein Lob: Dein Blog ist klasse!!! Hab eine gute Zeit! Und gib auf Dich acht!

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    1. Vielen Dank für deinen Rat und das Lob 🙂 Das freut mich sehr, dass dir mein Blog gefällt!
      Ich habe auch gestern Abend nach Beratungsstellen gesucht und eine Mail geschrieben. Mal sehen was sich tut. Ich halte euch alle über meinen Blog auf dem laufenden. 🙂

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  4. Das Problem sitzt im Kopf. Nach außen hin mag ja alles ok sein, wie du es beschreibst. Ich finde es traurig, wie viele Menschen (vor allem Frauen, aber zunehmend auch mehr Männer) sich damit quälen. Denn das ist es: Eine Qual.

    Es gibt immer eine neue Deadline, einen „Cheat day, of den man sich freuen darf“ (und bis dahin isst man freudlos und zwanghaft?) oder eine neue Challenge, die von irgendjemandem ausgerufen wird.

    Ironisch finde ich persönlich diverse „Health Challenges“, die wieder um sich zu greifen scheinen. Das liegt vielleicht auch an der Jahreszeit…

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    1. Ja es gibt wirklich viele die darunter leiden. Mir scheint es, als hätte ich allerdings nur Freundinnen, die keine Probleme mit dem Essen haben und ich beneide sie so sehr. Aber man weiß nie was in einer Person vorgeht. Jeder ist irgendwo und irgendwie diesem Gesundheits- und Schlankheitswahn ausgesetzt. Davor kann man sich ja kaum schützen, leider. Ich hoffe nur dass es bei denen Menschen, denen der wahn nichts anhat, auch dabei bleibt. Diese Qual wünsche ich keinem :/

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