Wiederkehrend. Teil I

Ich dachte ich hätte es überwunden. Es ließ sich lange Zeit nicht blicken. Aber es ist doch wieder da. Immer und immer wieder kommt es. Wird das mein ganzes Leben so weiter gehen? Werde ich später alte Fotos angucken und mir denken:

„Das waren gute Zeiten, denn da war ich schlank.“

„Das waren schlechte Zeiten, denn da habe ich gegessen wie ein Schwein.“?

Seit letzter Woche träume ich wieder von Essen. Von Kuchen. Von Schokolade. Von Kontrollverlust. Ich wache auf und habe ein schlechtes Gewissen. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen. Angst vor dem nächsten Tag. Angst davor zu versagen.

Es macht mich ein bisschen nervös darüber zu sprechen. Aber ich möchte es ein für alle mal niedergeschrieben haben. Und meinetwegen auch veröffentlicht haben. Dass so viele Leute mitlesen beängstigt mich etwas. Aber ich habe die Hoffnung, dass mir das helfen wird. Dass mein Problem kein Tabu mehr für mich ist. Dass ich mich damit auseinandersetze und am Ende nach einer Lösung suchen kann.

Also ich lege mal los.

So schlimm, dass ich in meinen Träumen davon verfolgt werde, war es bisher nur ein Mal. Ganz am Anfang. Ich weiß nicht wie es dazu kam. Ich weiß aber noch genau wann es war. Ich war 18 Jahre alt. Es war Oktober 2010. Mehrere Wochen aß ich maximal 1000 Kalorien am Tag. Manchmal nur 400 am Tag. Das waren die guten Tage. Alles dokumentiert ins Ernährungstagebuch. Ich kann es heute noch nachlesen. Ich bekam Komplimente für meine Figur. Ich wollte dünn sein. Ich war stolz auf mich. Auf meine Kontrolle.

Ich war nie übergewichtig. Etwas pummelig als Kind. Im Sport in der Grundschule war ich eine Versagerin. Ich wurde immer als Letzte in die Mannschaft gewählt. Wurde gehänselt. Mit Beginn der Pubertät legte sich ein Schalter um. Inspiriert hatte mich mein Cousin, der als Übergewichtiger eine Kur gemacht hatte und mir Tipps zum Abnehmen gab. Ich begann mit Sport. Ich begann mich mit meiner Ernährung auseinander zusetzen. Zusätzlich durch den Wachstumsschub wurde ich schlanker. Zufrieden war ich trotzdem nie. Dann kam der besagte Tag im Oktober 2010.

Ich zeigte alle typischen Anzeichen. Ich aß kaum, ich hortete Nahrung, ich probierte Abführmittel, ich log Freunde und Familie an, dass ich schon gegessen hatte, nur um nicht essen zu müssen. Natürlich bemerkten es meine Eltern. Aber alle Gesprächsversuche wehrte ich ab. Nur einem Menschen erzählte ich von meiner Vermutung, das mit mir etwas los war. An dem Abend war ich betrunken. Natürlich weil ich zuvor kaum etwas gegessen hatte. Danach hoffte ich einfach, er würde es nie wieder erwähnen. Großartig Kontakt hatten wir eh nie, ein guter Freund war er trotzdem. Viel geschah nicht. Seine Versuche auf ein Gespräch wehrte ich ebenfalls ab. Obwohl ich mittlerweile genau wusste, was mit mir los ist.

Dann kamen die Fressanfälle. Die Lebensumstellung nach dem Abi. Mehr Sport, aber keine Kontrolle mehr beim Essen. Ich sagte Parties und Treffen mit Freunden ab, um das Essen zu vermeiden. Stopfte aus Einsamkeit aber trotzdem Zuhause alles in mich hinein. Irgendwann am Frühstückstisch, nach einer halben Brezel, brach ich vor meinen Eltern in Tränen aus. Ich hatte mir sowieso vorgenommen, mir bei Ihnen bald Hilfe zu holen. Ich liebe meine Eltern und konnte nicht weiter mitansehen, dass meine Unzufriedenheit sie genauso fertig machte. Nach meinem Geständnis konnten sie allerdings auch nicht mehr tun. Bis heute erkundigen sie sich jedoch liebevoll um meine Gefühle gegenüber dem Essen. Und raten mir Hilfe zu suchen.

Nach dem Abi ging ich sieben Monate ins Ausland. Dort quälte ich mich weiter. Ich wollte genießen. Ich wollte aber schlank bleiben. Ich lockerte nach und nach die Zügel. Die letzten Wochen im Ausland konnte ich noch genießen, war glücklich, trotz essen und wenig Sport. Wieder Zuhause gab es nichts mehr zu genießen. Aber dort war der Kühlschrank immer voll. Mein Gewicht stieg, meine Stimmung sank. Gucke ich mir Fotos von dieser Zeit an, habe ich dunkle Augenringe. Mein Lächeln ist gequält. Ich steckte alle Hoffnung in meinen neuen Lebensabschnitt: ausziehen, eigene Wohnung, ich bestimme was gegessen wird.

Ich meldete mich zu Beginn meines Studiums zu vielen Sportkursen an. Über gesunde Ernährung wusste ich bereits einiges, wandte es aber nicht an. Denn ich aß immer noch zu wenig. Unter meinem Grundumsatz. Aß ich mehr, nahm ich schnell zu. Mein Stoffwechsel war zerstört.

Bis ich meine neue große Liebe entdeckte: Im Sommer vor zwei Jahren machte ich ein Praktikum in einem Fitnessstudio. Danach meldete ich mich an meinem Fitnessstudio an der Uni an. Ich hatte die Liebe zum Krafttraining entdeckt. Gleichzeitig informierte ich mich über Sporternährung. Um Muskeln aufzubauen muss man genug essen. Genug… sind also 1500 Kalorien am Tag? Wenn ich Sport mache darf ich mehr essen. Mein Körper veränderte sich. Mein Stoffwechsel verbesserte sich. Ich sah die Muskeln, die sich langsam unter meiner Haut abzeichneten. Ich wurde selbstbewusster. Freute mich über die Erfolge. Wurde entspannter gegenüber dem Essen. Ich fand meine Balance. Ja, so konnte ich das alles vereinbaren. Denn ich liebe Essen. Und nun liebe ich Sport.

Ich wurde sportsüchtig. Brauchte jeden Tag Sport. Ich liebte das Gefühl abends mit schmerzenden Muskeln und einem Proteinshake im Magen ins Bett zugehen. Ich liebte den Muskelkater am nächsten morgen. Sogar während meines Auslandssemesters meldetete ich mich im Fitnessstudio in der Nähe an. Zu der Zeit habe ich das Kalorienzählen seinlassen. Es war entspannend. Schließlich hatte ich jeden Tag Kalorien gezählt. Seit ich 12 Jahre alt war. Jeden. Verdammten. Tag. Aber nicht während meines Auslandssemesters. Und es tat gut. Und ich nahm zu. Aber Zuhause mussten die Kilos wieder weg.

Fortsetzung folgt…

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